Mit der Eisenbahn durch Schottland

 

Nachdem die Erinnerungen an die erste Tramp-Tour verblassten, wurde es Zeit, den Rucksack zu packen und die Schönheit Schottlands wiederzusehen.

Diesmal nahmen Martina und ich die Bahn bis Hoek van Holland. Die Überfahrt nach Harwich war recht stürmisch und ich habe noch nie so viele grüngesichtige Menschen wie auf diesem kleinen Schiff gesehen.

Im Morgengrauen sahen wir sie endlich: die Küste Englands. Die Weiterfahrt nach London fand in einem urgemütlichen alten Zug statt, der sich langsam durch die flache Landschaft Südenglands quälte.

 Nach kurzer Fahrtzeit kamen wir in London Liverpools Street an und fuhren gleich mit der "Underground" weiter Richtung Ravenswood, wo meine Tante und mein Onkel wohnten. Wir verbrachten noch einige Tage bei ihnen und fuhren mehrfach nach London um einzukaufen und nachzugucken, ob Piccadilly Circus, Carnaby Street und Abbey Road noch immer da waren.

 

 

Dann endlich war es soweit: mit Rucksack auf dem Rücken und einem Kribbeln im Bauch warteten wir am späten Abend am Bahnhof Euston auf die Einfahrt des "Royal Scotsman", der uns bis Rannoch Moor bringen sollte.

Zunächst war es eine Bahnfahrt, wie viele andere auch. Häuser, Bäume und Menschen schienen an uns vorbeizufliegen, während wir in die Nacht hinein fuhren.

 Das Rattern der Räder verstärkte in der Dunkelheit die Eintönigkeit der Fahrt und so wurden wir langsam in den Schlaf geschaukelt. Als die Sonne gerade aufgegangen war, wurden wir durch einen starken Ruck geweckt. Wir sahen hinaus und blickten zu unserer grenzenlosen Freude auf die ersten Berge Schottlands. In dem relativ leeren Zug hatten wir natürlich jeder einen Fensterplatz und was nun kam, war die schönste Strecke, die Martina

 

und ich je gesehen hatten. Der "Royal Scotsman" stampfte durch eine wilde Landschaft, rau und wunderschön.

Immer wieder sahen wir die unvermeindlichen Schafe und im Hintergrund wechselten sich die Berge ab. Zwischendurch gaben sie immer wieder einen Blick auf das Meer frei und das ganze Bild vermittelte uns das Gefühl grenzenloser Freiheit. Der Zug schlängelte sich durch Täler, umrahmt von hohen Bäumen, fuhr über eine hohe Brücke dann weiter ging es durch einen Tunnel hindurch. Immer wieder gab es einen kurzen Zwischenstopp an irgend einem dieser kleinen, verträumten Bahnhöfe, deren Name genauso fremd wie zeitlos auf uns wirkten.

Es war wie eine Fahrt durch die Einsamkeit - einsam aber unvergleichlich schön.

 

 

 Inzwischen war es Mittag geworden, als wir an dem einsamen Bahnhof Rannoch Station nahe dem Rannoch Moor ausstiegen. Ich glaube, wir waren die einzigen auf dem Bahnhof. Die Suche nach einem Restaurant oder wenigstens einer Imbissbude gaben wir schon nach wenigen Minuten auf.  Hier war nichts außer ein oder zwei kleinen Häusern und einer schier unendlichen Landschaft.

Wir sahen ein letztes Mal dem Zug nach, der nun über eine Brücke das Moorgebiet passierte. Nun war ein Fussmarsch angesagt, es sei denn, ein Auto würde uns mitnehmen. Was die Autos betraf, so fühlten wir uns, als ob wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit gemacht hätten, denn es schien hier keine zu geben. Auf den ersten 10 Kilometern trafen wir auch tatsächlich keine Menschenseele. Schafe, die in einer kargen Felslandschaft uns neugierig ansahen, waren die einzigen größeren Lebenwesen.

 

 

 

Immer weiter ging die einsame Wanderung und so langsam wurden die Rucksäcke immer schwerer und die Abstände zwischen den Rastpausen immer kürzer. Ein paar "Highland Caddle", die sich uns neugierig näherten und sich von uns mit Gras füttern ließen, waren ein willkommener Anlass, endlich einmal wieder mit jemanden zu sprechen. Eine Antwort erhielten wir zwar nicht, aber dafür sahen uns diese urigen Tiere mit großen Augen freundlich an. Am liebsten wären wir auf ihnen weitergeritten......, tatsächlich waren in der Zwischenzeit innerhalb von 6 Stunden zwei Auto an uns vorbeigefahren. Leider hielt keines an. Das nächste Mal, denke ich, soll besser Martina den Daumen hochhalten, das klappt erfahrungsgemäß besser. Ohnehin hatte sie schon die ersten Blasen an den Füssen, aber tapfer hielt  sie durch und es ging weiter durch diese fast urzeitliche Landschaft.

 

 

Loch Rannoch

 

 

Ein Stromhäuschen auf der linken Seite unseres Weges erweckte meine Aufmerksamkeit, denn dieser markante Punkt kam mir bekannt vor. Wir näherten uns also ganz langsam unserem Ziel.

 

 

 

Viele Kilometer später kamen wir an die Stelle, an der ich vor vielen Jahren schon einmal mit einem damaligen Schulfreund war. Das Wasser des Loch Rannochs war in all den Jahren so sehr gestiegen, dass selbst die alte Pinie, neben der wir gezeltet hatten, schon fast unter Wasser stand. Hier war kein Zelten mehr möglich. Schade, also mussten wir einen anderen Ort suchen.

 

 

Loch

 

Zu unserem Glück hielt eine Lehrerin mit ihrem Wagen an und nahm uns wenigstens die letzten Kilometer bis kurz vor Kinloch Rannoch mit. Mit letzter Kraft bauten wir unser Zelt auf und badeten unsere Füße erst einmal in den Fluten des Lochs.

Zelten und Wäsche am Loch Rannoch

An diesem Tage hatten wir weder Kraft noch Lust, die letzten Kilometer nach Kinloch Rannoch zu gehen und beschränkten uns auf unsere Vorräte.

 

Nun folgten traumhafte Tage an denen jeden Abend unser Lagerfeuer direkt am See bis spät in die Nacht brannte.

 

 

Würstchen oder Kartoffeln wurden gegrillt, die unvermeidlichen Bohnen von "Heinz" kamen wieder auf den nicht vorhandenen Tisch und Gitarrenmusik erklang.

 

 

Immer dann, wenn die Vorräte uns ausgingen, gingen wir in den kleinen Ort Kinloch Rannoch oder aber nach Pitlochry, um dort auf dem Campingplatz einmal wieder ein warmes Duschbad zu nehmen.

 

 

Gleich auf einer unserer ersten Tramptouren lernten wir Peter kennen. Er war der Besitzer eines Hotels am Loch Rannoch und schlug uns vor, das Schwimmbad, das zu seinem Hotel gehörte, kostenlos zu benutzen. Das war wieder ein Beispiel für diese so typische schottische Gastfreundschaft, die wir sehr, sehr oft angetroffen haben.

 

An einem der nächsten Abende erhielten wir Besuch von einem Förster, als wir gerade unser Zelt aufräumten.  Er sah sich unsere Feuerstelle an und verließ und mit dem Hinweis "alles so zu hinterlassen, wie wir es vorgefunden hatten", aber das verstand sich ja von selbst!

 

 

Als wir später am Lagerfeuer die Gitarre erklingen ließen, bekamen wir unverhofften Besuch. Chris und Mike aus Glasgow hatten ihr Zelt ein paar hundert Meter weiter entfernt aufgestellt und waren durch unsere Musik angelockt worden.

 

Von nun an verbrachten wir die Abende regelmäßig miteinander und unsere beiden neuen Freunde waren redlich bemüht, uns anhand von Witzen den englischen Humor näher zu bringen. Um ehrlich zu sein, es gelang ihnen nicht vollständig, vielleicht sollten wir das noch einmal wiederholen!

 

 

 

 Chris und Mike waren nicht unsere einzigen Nachbarn, denn wir hatten nach einer Einkaufstour in Kinloch einen Wobler, so nannte Chris ihn, am Straßenrand gefunden. Ein kleiner Vogel, ähnlich unserem heimischen Spatz. Der Vogel lag aus irgendwelchen Gründen entkräftet am Wegesrand.

Wir bauten ihm ein kleines Nest in einem hohlen Baum in Zeltnähe und versorgten ihn mit Futter, das heißt, wir versuchten es. Aber was wir ihm auch anboten, er verschmähte es. Sogar Regenwürmer waren nicht das Richtige für ihn. In der Not frisst der Teufel Fliegen, dachten wir und versuchten es damit. Tatsächlich, das funktionierte, allerdings mussten es lebende Fliegen sein und somit waren wir sehr beschäftigt und wußten nun, wie Vogeleltern zumute sein muss.

 

 

Kurz vor unserer Abreise verließ er sein schützendes  Nest und hüpfte munter in der Gegend herum. Wenig später war er dann ganz verschwunden. Nun hieß es auch für uns Abschied nehmen. Von Kinloch Rannoch aus nahmen wir den Postbus nach Rannoch Station und sahen immer wieder wehmütig zur anderen Seite des Lochs, dorthin, wo wir wieder einmal die totale Freiheit genossen hatten.

 

Wir waren viel zu früh am Bahnhof und stellten ein letztes Mal des Gaskocher auf und machten uns ein letztes Mal eine Dose Bohnen auf. Als der Zug kam, stiegen wir wehmütig ein und schauten noch lange in Richtung Loch Rannoch. Unser Entschluss stand fest: nächstes Jahr zur selben Zeit würden wir wiederkommen!

 

 

 

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