Es ist fast ein Jahr her, dass Großbritannien sich wirtschaftlich aus der EU verabschiedete. Die regale sind leer und der Weg zur eigenständigen Handelsnation ist noch lang. Ich wette, Johnson wird das Jahr 2022 nicht als Premierminister beenden.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass auch Donald Trump die Folgen des Brexits spürt. Der frühere US-Präsident hatte den britischen EU-Austritt bejubelt und verteidigt. Nun leidet auch sein Luxus-Golfhotel Trump Turnberry in Schottland. Der Jahresbericht liest sich wie eine Zusammenfassung der Brexit-Sorgen: fehlende Arbeitskräfte wegen eines Mangels an EU-Beschäftigten, dafür höhere Kosten wegen gestiegener Zoll- und Transportgebühren.



Zehntausende EU-Bürger warten auf Aufenthaltsrecht und genau das sind die Probleme vieler Unternehmen, europäischer wie britischer, ein Jahr, nachdem Großbritannien am 1. Januar 2021 auch wirtschaftlich die Bande mit der EU gelöst hat. Teurer und aufwendiger: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Branche ihre Brexit-Sorgen publik macht. Zuvorderst merkt es der britische Arbeitsmarkt. Weit mehr als eine Million freie Stellen gibt es dort.

Doch worüber Finanzminister Rishi Sunak jubelt, sorgt in Supermärkten, an Tankstellen und auf Bauernhöfen für Probleme. Weil billige Arbeitskräfte aus EU-Ländern wie Polen, Rumänien oder Litauen wegbleiben, da seit dem Brexit hohe Gebühren für Arbeitsvisa fällig werden, fehlen nun Lastwagenfahrer - Regale und zeitweise Zapfsäulen blieben leer, Nachschub fehlte. Schweinebauern mussten Tausende gesunde Tiere keulen, weil in den Schlachthöfen zu wenig Metzger arbeiten. 200.000 EU-Bürger sind Schätzungen zufolge dauerhaft abgewandert. Jetzt im Januar 2022 wird sich die Situation noch einmal verschärfen, da weitere Übergangsfristen auslaufen: Britische Importeure müssen jetzt ohne Zeitverzögerung Zollerklärungen mit Ursprungszeugnis der Waren vorlegen und den Zoll zahlen. Ansonsten werden die Waren nicht ausgeliefert. Ab Juli 2022 wird Großbritannien auch bei Lebensmitteln, Tierprodukten und Pflanzen Gesundheitszeugnisse kontrollieren.

Um Lücken zu stopfen, erteilt die Regierung immer wieder neuen Berufsgruppen Ausnahmen für Arbeitsvisa. Das Wort "Brexit" aber scheint in der Downing Street auf dem Index zu stehen. Premierminister Boris Johnson und sein Kabinett streiten regelmäßig ab, dass der EU-Austritt für die Probleme verantwortlich ist. Vielmehr beharren sie darauf, dass Großbritannien wie viele andere Länder von den Pandemie-Folgen getroffen werde. An einer Brexit-Aufarbeitung habe die Regierung kein Interesse, sagt Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Handelskammer in London.

Die Wirtschaftskraft leidet, doch im Gegenteil wird den Bügern jede positive Nachricht als Resultat des Brexits und der Freiheit vom regulativen Rahmenwerk der EU suggeriert. Dabei gäbe es einiges zu diskutieren. Der bilaterale Handel mit der EU ist längst eingebrochen. Die Denkfabrik Center for European Reform hat errechnet, dass der britische Warenhandel im Oktober 2021 um 15,7 Prozent oder 12,6 Milliarden Pfund (knapp 15 Mrd Euro) niedriger war als er im Falle eines britischen Verbleibs im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion gewesen wäre. Das wirkt sich auf die Wirtschaftskraft aus. Die Aufsichtsbehörde Office for Budget Responsibility (OBR) kommt zu dem Schluss, der EU-Austritt werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um vier Prozent verringern. Heruntergebrochen bedeutet das laut AHK-Chef Hoppe, dass jeder Brite ein Jahr länger arbeiten muss. "Der Brexit ist ein verdammter Albtraum", schimpft ein Verantwortlicher einer wichtigen englischen Hafenstadt hinter vorgehaltener Hand.

Brexit in a nutshell - 9GAG

Ein Jahr Brexit-Realität hat Spuren in der Volkswirtschaft hinterlassen. Im Januar 2021 endete die Übergangsfrist des Brexit. Seither wird Großbritannien von der EU als Drittland behandelt. Das hat im Handel zu mehr Formularen und Grenzkontrollen geführt und zum Arbeitskräftemangel. Spätestens seit die Briten im Sommer um Sprit an den Tankstellen anstehen mussten und die Regale wegen Lieferschwierigkeiten mager bestückt waren, lässt die Begeisterung  für den Brexit deutlich nach. Die Versprechungen des Premierministers sind nicht aufgegangen. Die Nachverhandlungen um technische Details des Nordirland-Protokolls gehen nur langsam voran. Brexit-Minister Lord David Frost war kurz vor Weihnachten zurückgetreten. Seit der Brexit-Abstimmung im Jahr 2016 ist nun Außenministerin Liz Truss die siebte Person, die mit der EU bessere Konditionen im Handel zwischen Großbritannien und Nordirland erzielen soll. Sie hat immerhin 70 Handelsabkommen mit ehemaligen EU-Handelspartnern unterzeichnet. Neu verhandelt wurde auch ein Abkommen mit Japan, das gegenüber den EU-Vereinbarungen aber keinen Vorteil hat. Verträge mit Neuseeland und Australien steuern nach Aussagen des UK Trade Policy Observatory langfristig nur einen marginalen Beitrag von 200 bis 500 Millionen Pfund zur Wirtschaftskraft des Landes bei, beunruhigen jedoch gleichzeitig britische Landwirte wegen des Imports von billigem Lammfleisch. Auch deshalb behilft sich die Regierung oft mit Gesten. So gilt die traditionelle Eichmarke Crown Stamp, von der EU verboten, wieder als Maß. Ebenso wird die ausschließliche Kennzeichnung von Lebensmitteln mit alten Gewichtseinheiten wie Pfund und Unzen gestattet. Doch über die Grenze geblickt, erschwert Bürokratie weiterhin das Miteinander: "Überwiegend sehen Verbände und Unternehmen die EU-Nachfolger von EU REACH (UK REACH) und dem CE-Kennzeichen (UKCA) als große Doppelbelastung, bleibt doch die EU ein wichtiger Absatzmarkt", stellt Außenhandelsexperte Lehnfeld fest.


Die EU hatte im Oktober 2021 Maßnahmen angekündigt, mit denen die Zollerklärungen im Handel zwischen Großbritannien und der Provinz Nordirland halbiert werden können. Trotz eines harten Tons zum Auftakt hat Truss durchschimmern lassen, dass die britische Regierung zu Kompromissen bereit ist. Johnson scheint nach Berichten der Tageszeitung The Times von seiner Maximalforderung abzurücken, dass der Europäische Gerichtshof gar keinen Einfluss auf die Auslegung des Nordirland-Protokolls haben soll. Die Gespräche gehen also weiter.

Weiterhin nehmen britische Haushalte kaum wahr, dass die Energiepreise in Großbritannien stärker als in Kontinentaleuropa gestiegen sind, weil Großbritannien nicht mehr Mitglied des EU-Energiemarktes ist und daher nicht an dem – oft den Preis senkenden – Energiehandel innerhalb der EU teilnehmen kann.

Gleichzeitig ging das Versprechen, mit der Kontrolle der eigenen Außengrenze das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen, nicht auf. Flüchtlinge nahmen nach der hermetischen Abriegelung des Eurotunnels den Seeweg. Auch wenn das Drama der ertrunkenen Menschen im November Schlagzeilen machte: Dieses Jahr kamen fast 30.000 Flüchtlinge mit oft gut ausgestatteten Schlauchbooten über den Kanal, woran die britische Regierung – trotz deftiger Zahlungen an Frankreich – kaum etwas ändern kann. Dabei hat Johnson die Strukturen der Partei zugunsten konservativer Hardliner verändert, was außerhalb der EU leichter zu bewerkstelligen ist: Das Einwanderungsgesetz wurde drastisch verschärft, Asylverfahren wurden erschwert, das Demonstrationsrecht eingeschränkt, die Macht der Polizei ausgeweitet. Im nächsten Jahr hat Justizminister Dominic Raab die Aufgabe, Großbritannien aus dem direkten Einflussbereich des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte zu lösen. Gleichzeitig wird die Pressefreiheit eingeschränkt, vermeintliche Staatsgeheimnisse zu veröffentlichen. Den Richtern wird damit gedroht, dass die Regierung gesetzliche Regelungen plane, mit denen sie politisch störende Urteile im Nachhinein "korrigieren" könne.

Und die Schotten?

«Der Brexit hat die Ausgangslage völlig verändert. In Schottland haben 68 Prozent der Leute für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Die Schotten votierten für Weltoffenheit, während die englischen Konservativen «Rule Britannia» gesungen, «take back control» skandiert und den Leuten erzählt haben, dass dank dem Brexit jede Woche 350 Millionen Pfund in den nationalen Gesundheitsdienst fliessen würden. Das waren alles populistische Lügen, um Rechtsnationalisten und Schwachköpfe bei Laune zu halten», findet Moffat deutliche Worte.

Die Schotten seien dagegen nicht so leichtgläubig. Nicht ohne Grund hätten sie das Penicillin und die erste Glühbirne erfunden. Er wolle damit keinesfalls sagen, alle Engländer seien Schwachköpfe. Seine Frau sei eine Engländerin. Tatsache sei jedoch, dass eine Mehrheit der Schottinnen und Schotten (gemäss aktuellen Umfragen sind es genau 51.3 Prozent) das Gefühl habe, in einer englischen Kolonie zu leben.